Wer von Norden kommt, fährt durch den San-Bernardino-Tunnel und ist plötzlich woanders. Die Moesa fliesst nicht zum Rhein, sondern zum Ticino und weiter in den Po. Die Dörfer heissen Soazza, Lostallo, Grono, Roveredo. Man grüsst auf Italienisch.
Das Misox – italienisch Val Mesolcina – ist das südlichste Bündner Tal, 374 Quadratkilometer zwischen dem Pizzo Tambò auf 3279 Metern und der Ebene von San Vittore auf 260 Metern. Es gehört zu Graubünden, liegt aber jenseits des Alpenhauptkamms, und das merkt man am Wetter: In Grono wurde am 11. August 2003 mit 41,5 °C die höchste je offiziell gemessene Temperatur der Schweiz registriert.
Warum das für Honig zählt
Diese Wärme verschiebt die ganze Vegetation. Am Talboden wachsen Feigen und Reben, an den Hängen Edelkastanien – Arten, die nördlich der Alpen nur in Gunstlagen gedeihen. Unser Bienenstand liegt auf 900 Metern über diesem Klima: warm genug für eine lange Blühsaison, hoch genug für Bergwiesen.
Grafen, Mailand und 24 500 Golddukaten
Vom 12. Jahrhundert an herrschte die Familie von Sax – italienisch de Sacco – über das Tal, von der Burg Mesocco aus. 1480 verkaufte Johann Peter von Sax seine Rechte an den Mailänder Feldherrn Gian Giacomo Trivulzio. In Roveredo liess dieser den Palazzo Trivulzio erneuern und eine Münzstätte einrichten.
Die Talleute wollten das nicht auf Dauer. Mesocco und Soazza schlossen sich 1480 dem Grauen Bund an, die übrigen Gemeinden am 4. August 1496. 1549 kaufte sich das Tal endgültig frei: 24 500 Golddukaten für die letzten Herrschaftsrechte.
Ein armes Tal, das Kaminfeger, Maurer und Stuckateure nach halb Europa schickte – und deren Geld zurückkommen liess.
Das Tal, das auswanderte
Schon Ende des 15. Jahrhunderts begann eine starke Auswanderung. Zwischen 1500 und weit ins 18. Jahrhundert zogen aus dem Misox Kaminfeger, Baumeister, Architekten, Stuckateure und Maler fort – vor allem nach Österreich und in die deutschen Staaten. Sie kamen im Winter zurück oder schickten Geld. Wer blieb, lebte von Vieh, Wald, Wiese und Kastanien.
Roveredo selbst wird 1219 erstmals urkundlich erwähnt, als de Regoredo. Der Name kommt vom Eichenwald, und das Gemeindewappen zeigt bis heute eine goldene Eiche mit Wurzeln, Blättern und Früchten. Ein Dorf, das sich nach seinen Bäumen benennt.
Die Strasse, die alles veränderte – und der Tunnel, der die Ruhe zurückbrachte
1818 bis 1822 baute der Ingenieur Giulio Pocobelli die Passstrasse über den San Bernardino. Von 1907 bis 1972 fuhr eine elektrische Schmalspurbahn bis Mesocco. 1967 kam der 6,6 Kilometer lange Strassentunnel, 1973 die A13 von Bellinzona nach Chur – und mit ihr der Transitverkehr mitten durch Roveredo.
Erst 2016 wurde das Dorf umfahren: 5,6 Kilometer Neubaustrecke mit einem 2,3 Kilometer langen Tunnel. Seither ist es im Dorfkern wieder still. Oben am Monte di Vif war es das ohnehin immer.
1219Erste Erwähnung Roveredos als «de Regoredo» – benannt nach seinem Eichenwald.
1480Herrschaftswechsel: Die von Sax verkaufen an Gian Giacomo Trivulzio aus Mailand.
1496Zum Grauen Bund: Am 4. August schliessen sich die übrigen Talgemeinden an.
1549Freikauf der letzten Herrschaftsrechte für 24 500 Golddukaten.
ab 1500Auswanderung: Kaminfeger, Baumeister und Stuckateure ziehen nach Österreich und Deutschland.
1822Passstrasse über den San Bernardino, gebaut von Giulio Pocobelli.
1907Schmalspurbahn bis Mesocco – bis zur Einstellung 1972.
200341,5 °C in Grono – Schweizer Hitzerekord, gemessen am 11. August.
2016Umfahrung Roveredo: Der Transitverkehr verschwindet aus dem Dorf.